laudatio, anlsslich der vernissage “kunst - punkt” in der postalerie speyer am 16. februar 2019 (auszug):

In dem fr Speyer so vielfltigen kulturellen Leben haben wir mit dieser, man kann sagen “Produzentengalerie”, einen weiteren Punkt hinzugefgt: den “Kunst -  Punkt”

Kommen wir auf den Punkt!

Aus der Wahrnehmungspsychologie wissen wir, dass wir diese Aneinanderreihung von 30 Punkten niemals so beschreiben wrden:
“Ich sehe 30 kleine schwarze Kreisflchen auf weiem Grund, die in gleichmigem Abstand die Form eines Kreises beschreiben.”
Das ist fr unser Sehen, unser Gehirn, viel zu kompliziert. Deshalb fassen wir kurz und bndig zusammen: Wir sehen einen Kreis.

Nicht nur die Entfernung, bzw. das Verhltnis der Gre eines Objekts zu seinem Umraum lsst uns Dinge noch als Punkt oder schon als Linie oder Flche wahrnehmen, auch unser Bewusstsein ist dergestalt determiniert:
Einerseits, dass es wichtig ist zu vereinfachen, andererseits, und das ist das Drama unseres Bewusstseins, dass wir verlernen, und leider oft verlernt haben genau! hinzugucken!

Alles lsst sich in unserer Wahrnehmung zu einem Punkt reduzieren. Es kommt nur auf die Sichtweise, bzw. den Standpunkt des jeweiligen Betrachters an. Wie unser Bewusstsein uns tglich suggeriert, sehen wir riesige Sterne, ganze Galaxien einfach nur als Lichtpunkte im Weltall.

Kommen wir auf die Erde zurck.

Wenn ich mich noch recht an meinen Mathe-Unterricht von vor ber 50 Jahren erinnere, wurde der Punkt als “Schnittstelle zweier sich kreuzender Geraden” definiert. Oder als etwas, das keine Ausdehnung hat. Eigentlich existiert so etwas wie ein Punkt gar nicht.

Ein Fitzelchen, ein Fast-Nichts, fr sich allein genommen scheinbar vllig unbedeutend.

In der Kunst gehen wir vom Punkt als kleinster grafischer Einheit aus, wobei sich aus einer Aneinanderreihung von Punkten die Linie ergibt, aus Linien die Flche, aus Flchen der Krper - in einem imaginren Raum-Bewusstsein.

Das Drama des Punktes kann sich im Kopf eines Menschen, auf einem Blatt Papier, einer Leinwand, als Lichtpunkt, in oder auf irgendeinem beliebigen Gegenstand abspielen. Setze ich ein Pnktchen auf eine Flche, habe ich damit sogleich eine wichtige und unverrckbare Entscheidung getroffen: Ich habe das Verhltnis dieser kleinen Einheit zu einem greren Ganzen hergestellt.

Jeder Knstler kennt dieses Drama, seien es die Pointillisten, die Barock-Maler, die Realisten, die Dadaisten, die Phantastischen, die Expressionisten, die Surrealisten, die gegenstandslosen Knstler, die Minimalisten, die CoBrA-Knstler - egal, ob es ein Picasso, ein Rembrandt oder ein Kunst-Punkt-Knstler ist, wir werden nicht verschont: Wir mssen uns mit dem Punkt auseinandersetzen!

Besteht nun die so genannte “Groe Kunst” aus Reduktion? Ist derjenige der grte Knstler, der sein Publikum mit einem auf eine Flche gesetzten Punkt alleine lsst und zudem philosophischen Betrachtungen aussetzt? Oder lasse ich den geneigten Betrachter die Flle meiner Pnktchen genieen, die sich zu Haaren auf der Oberflche eines dargestellten Tieres, zu einer mit Tau benetzten Blte oder zu sich berschlagenden Wellen ergeben?
Daher meine Aufforderung: Erleben Sie das Geschehen auf der Bildoberflche, genieen Sie den einzelnen Punkt, die Dramatik von Licht und Schatten, von Nhe und Ferne, das Ja und Nein! Sehen Sie sich die Farbstrukturen und berlagerungen an, den Zusammenhang der Teilchen miteinander, und dann erst, mit Distanz, werden Sie das Gesamtgeschehen beurteilen knnen.

Jede Knstlerin, jeder Knstler dieser Gruppe geht mit der ihr bzw. ihm eigenen Absicht an die Arbeit, hat eine spezielle Ausdrucksweise: Eine subtile Farbgebung, Linienfhrung oder Komposition. Wir haben uns zwar als Kunst - Punkt - Gruppe zusammengefunden, aber so unterschiedlich sind wir auch:

Christine Weinmller malt ihre Werke in altmeisterlicher Malweise, mit modernen Komponenten. ber ihre Arbeit sagt sie: “Durch das Unterrichten in meiner Kunstschule habe ich gelernt, klarer zu strukturieren und zu denken. Das prgt auch meine Kunst, die mir hilft die Welt zu verstehen.” Mit diesem Verndnis von Welt wird zwar der Bildgegenstand sachlich wiedergegeben, der Betrachter aber umso mehr in eine magische Bildwelt eingebunden. Nicht umsonst spricht man von der “Magie des Gegenstandes.”

Magdalena Hochgesang malt vorwiegend Menschenbilder, hauptschlich in l. In einigen Bildern stellt sie dem Menschen gleichberechtigt das Tier gegenber oder sie stattet Menschen mit tierischen Attributen, wie z. B. Flgel, aus. Sie nennt ihre Bilder nicht Portrts, weil die Identitten ihrer Modelle meist belanglos sind. Vielmehr geht es der Knstlerin um das Erfassen des Wesenhaften oder einfach um das Erzhlen einer perslichen Geschichte. Zitat: “Meine Bilder laden den Betrachter ein, hinter die Fassaden, hinter die Kulissen zu schauen, um sich dort mglicherweise selbst zu begegnen.”

In Margarete Sterns vorwiegend figurativen Acrylgemlden reflektiert sie die heutige Zeit. Die ursprnglich realen Protagonisten ihrer Gemlde werden zum Synonym fr eine mgliche Geschichte.
Die Grundthemen ihrer Gemlde sind immer die Isoliertheit von Menschen, Rumen und Situationen. Es geht Margarete Stern um das kollektiv Erlebbare, um Befindlichkeiten unserer Gesellschaft, auf die wir als Betroffene reagieren.
Das Gefhl des Allein-Seins oder auch des Ausgeliefert-Sein, welches sie auf die Figuren in ihren Bildern bertrgt, ist unsentimental aber przise dargestellt.

Reinhard Ader geht davon aus, dass die so genannte Wirklichkeit einem stndigen Erfahrungsprozess unterliegt. Wahrnehmung und Realitt haben immer nur eine zeitliche und Standpunkt bezogene Gltigkeit, die fortwhrend revidiert, berarbeitet und neu gedacht werden muss. Das Bewusst-Sein ber das, was wir zu kennen glauben, wird in ungewohnter Perspektive und Rumlichkeit dargestellt und gleichzeitig hinterfragt.
Realitt, Wahrnehmung und Vorstellung sind Komponenten der Zwiesprache zwischen Bild und Betrachter.

Susanne Lorenz sagt zu ihrer Arbeit: “Meine Malerei ist intuitiv, die Bilder entstehen vor meinem inneren Auge, ich setze sie meistens ohne Vorlage um. Fr mich sind es irgendwie gefhlte Bilder, Parallelwelten, Bhnenbilder, deshalb auch zum Teil die groen Formate.” Farbtiefe und Leuchtkraft geben dem Betrachter die Anmutung, als ob in der Tiefe ein dem Bild innewohnendes Leuchten, ein kaum fassbares Glhen eigen wre.
Tiere empfindet die Knstlerin als ihre Gefhrten, physisch als auch geistig, darum spielen sie eine Hauptrolle in ihren Bildern.

Thomas Manns Leitgedanke seiner knstlerischen Arbeit ist der Aphorismus zur Lehre des griechischen Philosophen Heraklit: “Panta rhei - alles fliet.” Seine Ideen entstehen, entwickeln und verndern sich unter dem Einfluss der Zeit.
In seinen kleinformatigen, in Tusche-Mischtechnik entstandenen Arbeiten lsst sich seine Begeisterung an die in der Mitte des 20. Jahrhunderts existierenden Gruppe CoBrA nachvollziehen. Im Malprozess zwischen Bewusstheit und Unbewusstem entstehen Arbeiten, die den Betrachter, ohne Titelvorgabe, zu ganz persnlichen Assoziationen anregen sollen.

Manchmal werde ich gefragt: “Wie lange arbeiten Sie an einem Bild?” Meine Antwort fr die Zukunft wird sein: “Bis ich die Bedeutung des Punktes geklrt haben werde”!

Mein berhmter und geschtzter Kollege Paul Klee hat einmal gesagt: “Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern Kunst macht sichtbar.”

Ich muss ihm widersprechen und behaupte: Kunst kann nur das sichtbar machen, was im Bewusstsein des Betrachters angelegt ist - und das Bewusstsein ber die Welt der Dinge - beginnt mit der Philosophie ber den Punkt!

Es lebe die Kunst! Punkt!                                                                                                                                               Reinhard Ader, Februar 2019

 

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www.kunstpunktspeyer.com